Die überraschende eSports-Kultur Südkoreas

von Alex Manisier

Südkorea ist eine stolze Nation, die Gewinner und Menschen, die starke Leistungen zeigen, wertschätzt. Diese Mentalität führte die koreanischen Profispieler auf internationaler Bühne immer wieder zum Sieg. Die League of Legends World Championship 2014 findet in Seoul, Südkorea, statt, und die einheimischen Fans werden ihre Lieblingsteams mit vorsichtigem Optimismus beobachten, in der freudigen Hoffnung, dass der Summoner’s Cup ein weiteres Jahr in Südkorea bleibt. Es ist schließlich naheliegend, dass ein südkoreanisches Team die WM gewinnt – das wird von ihnen erwartet.


Gar nicht so unterschiedlich

ESports sind in Südkorea mit Sicherheit größer als im Rest der Welt. Riesige Veranstaltungsorte wie das Busan Bexco Stadion und Haeundae Beach sind immer zum Bersten gefüllt mit tausenden Fans, die heiß darauf sind, ihre Lieblingsteams und -spieler gegeneinander antreten zu sehen. Das und der wahnsinnige Erfolg der südkoreanischen Profispieler bei vielen verschiedenen eSports machen es dem durchschnittlichen ausländischen Fan leicht, zu Südkorea als Oase des eSports aufzusehen, als Ort, an dem meisterhafte Profigamer auf einer Stufe mit den besten Fußballern stehen.

Auch die koreanische Regierung ist im wettbewerbsorientierten Gaming involviert und es gibt sogar ein eigenes Ressort namens Korea e-Sports Association (KeSPA), das sich speziell mit eSports beschäftigt. Riesige Sponsoren wie Samsung, SK Telecom und Korea Telecom (drei der größten Unternehmen Südkoreas – das ist, als würden Google oder Comcast ein eSports-Team sponsern), unterstützen die verschiedenen eSports-Teams durch die Bereitstellung von Gaming-Häusern, mehreren Trainern und Ausrüstung. Wenn man all das bedenkt, muss man zu dem Schluss kommen, dass Profigaming ein allgemein anerkannter, normaler Teil der südkoreanischen Kultur ist.

Gaming ist zweifellos ein wichtiger Teil der südkoreanischen Jugendkultur – viele Studenten verbringen ihre kostbare Freizeit in sogenannten PC Bangs, also Internetcafés, die sich auf Onlinespiele spezialisiert haben. League of Legends ist zurzeit das beliebteste Spiel in den südkoreanischen PC Bangs, aber die Anzahl von League of Legends-Spielern, die auch passionierte eSports-Fans sind, ist laut Michael „Chexx“ Kiefer von OnGameNet Global ziemlich gering. „Die meisten Fans sehen das ziemlich locker. Es gibt ein paar Hardcore-Fans – ein paar sehr hingebungsvolle Fangirls, wie man weiß, wenn man den Stream von OnGameNet verfolgt – aber die sind wirklich in der Minderheit.“

Es mutet seltsam an, dass eine Industrie, die augenscheinlich derart groß ist, nur so einen kleinen Markt hat. Es ist jedoch tatsächlich so, dass eSports einen Nischenmarkt in Südkorea darstellen, trotz ihrer vermeintlichen Größe. Das liegt, so Chexx, an dem extremen Fokus auf Ausbildung in der südkoreanischen Kultur – dadurch bleibt wenig Raum für professionelles Spielen.

„Westliche Fans haben eine verklärte Vorstellung von eSports in Südkorea. In Südkorea ist die Ausbildung das Wichtigste, vor allem in der Zeit zwischen dem Beginn der High-School und dem Universitätsabschluss. ESports gelten in Korea nicht als angesehenes Berufsfeld, und die Eltern sind nicht gerade erfreut, wenn ihre Kinder Profispieler werden und ihre Ausbildung hinten anstellen wollen“, räumt Chexx ein. Und das ist auch verständlich. Es leben über 50 Millionen Menschen in Südkorea und gerade einmal 80 davon können mit ihrem Team an der OnGameNet Champions teilnehmen, was das professionelle Spielen von League of Legends zu einer äußerst riskanten Berufswahl macht.

In dieser Hinsicht unterscheiden sich die südkoreanischen eSports-Fans kaum von den westlichen. Sie sind eine kleine, aber leidenschaftliche Gruppe, die hofft, dass das professionelle Spielen irgendwann im gesellschaftlichen Mainstream ankommt.


Das Verbinden einer neuen Generation

Die Schüler an den High-Schools haben eigentlich nie frei, erklärt Chexx. „Ihr üblicher Schultag dauert von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, weil auch nach der Schule noch unterrichtet wird. Wenn das Schuljahr zu Ende ist, müssen sie die ‚Ferienschule‘ besuchen, damit sie konkurrenzfähig bleiben“, berichtet er über die südkoreanische Jugend. Das Leben eines durchschnittlichen Schülers in Südkorea unterscheidet sich enorm von dem eines Profispielers und viele junge Schüler verfolgen eSports als eine Art Erfüllung ihrer Wünsche.

Chexx ist immer noch erstaunt über die neue Generation von eSports-Fans, die dank des Einflusses von League of Legends in Südkorea entstanden ist. „Nach dem Streit der KeSPA mit Blizzard über die Übertragungsrechte von StarCraft entstand eine Riesenlücke im südkoreanischen eSport. All die alten Brood War-Spieler waren gegangen, daher gab es niemanden, zu dem die Jüngeren einen Bezug hatten.“ Mit dem Erfolg von League of Legends in Südkorea trat eine neue Riege junger Spieler ans Licht - eine junge Gruppe Profispieler, mit der man sich identifizieren kann.

Spieler wie Lee „Faker“ Sang-hyeok und Kim „Deft“ Hyuk-kyu sind eine absolute Seltenheit. Faker und Deft besuchten dieselbe High-School und entschieden sich, ihre Ausbildung auf Eis zu legen, um ihre Karriere als Profispieler voranzutreiben. Für viele junge Leute in Südkorea würde ein Traum in Erfüllung gehen, wenn sie in solch illustren Teams wie SK Telecom T1 K oder Samsung Blue spielen dürften.


ESports für unterwegs

Auch wenn es aufgrund der Natur des eSports selbstverständlich erscheint, war das Internet entscheidend für die Verbreitung des eSports. Sendeanstalten wie OnGameNet übertragen zwar eSports-Veranstaltungen im Fernsehen, aber Chexx betont, dass „die meisten Fans eSports auf ihrem Weg zu Schule oder Arbeitsplatz auf ihren Smartphones verfolgen.“ Der Erfolg des Streamings fällt mit dem Rückgang des eSports im Fernsehen zusammen und signalisiert, dass die Tage vorbei sind, als das neueste StarCraft-Turnier noch fast ausschließlich im landesweiten TV angesehen wurde.

Davon abgesehen fristen eSports nicht gerade ein Schattendasein in den alternativen Medien. Sie sind zwar noch nicht richtig im Mainstream angekommen, aber man kann die neuesten Ereignisse auf beliebten, etablierten Nachrichtenseiten finden. „Der aktuell größte Schritt in Richtung Mainstream wurde ermöglicht, als der Präsident der KeSPA einen eSports-Reiter bei Naver forderte“, erklärt Chexx. Da Naver quasi Südkoreas Antwort auf Google ist, ist dieser Schritt viel größer als er scheint. Unter diesem eSports-Reiter findet man Links zu Streams und einen Veranstaltungskalender, der es selbst dem unmotiviertesten Fan erlaubt, in puncto südkoreanische eSports auf dem Laufenden zu bleiben.


Untergehen oder Schwimmen

Bei all dem Optimismus über den wachsenden Erfolg der eSports in Südkorea kann man leicht übersehen, um was für eine mörderische Industrie es sich hier eigentlich handelt. Die beliebtesten Teams (und Spieler) in Südkorea sind die, die dauerhaften Erfolg auf höchstem Spielniveau vorweisen können. Der OnGameNet-Berichterstatter und ehemaliger Azubu Frost-Jungler Lee „CloudTemplar“ Hyun-woo weiß nur allzu genau, wie viel Konkurrenzdruck in südkoreanischen eSports herrschen kann. „Südkorea ist im Grunde ein Land mit dem festen Glauben, dass nur der erste Platz zählt. Das gilt für alle Bereiche“, sagt er.

Es gibt nur einen Weg, wie man als Profispieler in Südkorea garantiert Aufmerksamkeit bekommt – man muss siegen. „Diese ‚Um jeden Preis‘-Einstellung wird betont. Es zählt nur gute Leistung. Es ist, als würde man um sein Leben spielen“, erinnert sich CloudTemplar. Südkoreanische Fans drehen ihr Fähnchen nach dem Wind, und was den einzigen Unterschied zwischen einem beliebten und einem unbeliebten Team ausmacht, ist die Leistung. „Jeder aus der jüngeren Generation weiß, wer Faker ist, und sie kennen auf jeden Fall auch SK Telecom T1 und Samsung Galaxy, aber die anderen Teams sind weniger berühmt. Die einzige Ausnahme ist wahrscheinlich CJ Entus Frost.“

Aber auch wenn die südkoreanischen Fans wankelmütig erscheinen: wenn es um den internationalen Wettbewerb geht, stehen sie hundertprozentig hinter ihren Landsleuten. Die Traum-Weltmeisterschaft für die koreanischen Fans wäre es, wenn die südkoreanischen Teams kein einziges Spiel gegen ausländische Teams verlieren würden, wie Inven, Südkoreas bekannteste Gaming-Website, mehrfach berichtete (und es die Vertreter der WM 2013 bestätigten). Mit insgesamt 35:2 seit dem Viertelfinale der WM 2013 haben die eSports-Fans aus Südkorea gute Chancen, dass sich ihre Hoffnung erfüllt.

In den kommenden Wochen werden tausende Schüler während der Mittagspause die Köpfe über ihren Smartphones zusammenstecken und die neuesten großen Matches der WM ansehen. Tausende Studenten werden auf dem Nachhauseweg die Website Inven besuchen und über die Strategien ihrer Lieblingsteams diskutieren. Ganz gleich welches Medium, es sind die Leidenschaft und der Wunsch, dass südkoreanische Teams die weltbesten werden, die sie als südkoreanische eSports-Fans einen.


5 years ago

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