Der Vogel auf dem Ast

I

„Deine Kräfte sollen Zerstörung bringen. Du willst sie nicht einsetzen? Von mir aus. Dann wirst du mit ihnen untergehen.“

Dies waren die letzten Worte, die Taliyah von ihrem noxianischen Hauptmann gehört hatte, bevor sie in das Salzwasser getaucht war. Die Worte klangen immer noch in ihren Ohren. Vier Tage waren vergangen, seit sie den Strand erreicht hatte, der ihr zur Flucht gedient hatte. Zuerst war sie gerannt und dann, als sie das Splittern der Knochen von ionischen Bauern und noxianischen Soldaten nicht länger vernahm, war sie langsamer geworden. Sie folgte der Baumgrenze der Berge und wagte es nicht, auf das Gemetzel zurückzublicken, das sie hinter sich gelassen hatte. Vor zwei Tagen hatte es zu schneien begonnen. Vielleicht war es auch schon drei Tage her, sie konnte sich nicht mehr erinnern. Heute morgen war ein freudloser Wind im Tal aufgezogen, als sie gerade einen leeren Schrein passierte. Mittlerweile war der Wind noch stärker geworden und durchbrach die Wolken, die den Blick auf einen klaren, blauen Himmel freigaben. Die Farben waren so intensiv, dass sie das Gefühl hatte, wieder zu ertrinken. Sie kannte diesen Himmel. Als junges Kind hatte sie ihn über die Weiten des Sandes gespannt gesehen. Doch das hier war nicht Shurima. Der Wind hier hieß sie nicht willkommen.

Taliyah schlang ihre Arme fest um sich selbst und versuchte, die Wärme ihrer Heimat heraufzubeschwören. Ihr Mantel hielt den Schnee fern, aber die kalte Luft kroch unter den Stoff. Eine unsichtbare Einsamkeit schlängelte sich um sie und tief in ihre Knochen. Die Entfernung zwischen ihr und den Menschen, die ihr nahestanden, zwang sie auf die Knie.

Sie schob ihre Hände noch tiefer in ihre Taschen und ihre zitternden Fingerspitzen spielten in der Hoffnung auf ein bisschen Wärme mit ein paar ihr wohlbekannten Steinen.

„Ich habe Hunger. Das ist alles“, sagte Taliyah und meinte damit niemanden Bestimmtes. „Ein Hase. Ein kleiner Vogel. Große Weberin, ich würde nicht einmal eine Maus verschmähen, wenn eine des Weges käme.“

Als wären ihre Worte tatsächlich erhört worden, erklangen ein paar Meter entfernt von ihr trappelnde Schritte, die leise über den Schnee knisterten. Ein graues Fellknäuel, nicht größer als ihre zwei geballten Fäuste, steckte seinen Kopf aus einem Bau.

„Danke“, flüsterte sie durch ihr Zähneklappern hindurch. „Danke. Danke.“

Das kleine Tier sah Taliyah fragend an, als sie einen der glatten Steine aus ihrer Tasche holte und ihn in den Lederriemen ihrer Schleuder legte. Sie war es nicht gewohnt, die Schleuder auf Knien einzusetzen, doch wenn die Große Weberin ihr dieses Angebot machte, würde sie es nicht zurückweisen.

Das Tierchen beobachtete sie weiter, als sie die Schleuder einmal kreisen ließ und den kleinen Stein positionierte. Die Kälte fuhr in Taliyahs Körper und machte es unmöglich, eine fließende Bewegung auszuführen. Als sie genug Geschwindigkeit aufgebaut hatte, ließ sie den Stein fliegen. Im gleichen Moment musste sie auch heftig niesen.

Der Stein sprang über den Schnee und verpasste knapp die geplante Mahlzeit. Taliyah schwang sich zurück und verlieh ihrer Frustration mit einem gutturalen Knurren Ausdruck, das die Stille um sie herum durchbrach. Sie holte ein paar Mal tief Luft und spürte die Kälte in ihrer Kehle brennen.

„Wenn du irgendwie mit Sandhasen verwandt bist, dann muss es hier noch ein Dutzend mehr von euch geben“, stellte sie fest und sah auf das Fleckchen Erde, auf dem das Tier sich gezeigt hatte. Ihr trotziger Optimismus kehrte zurück.

Ihr Blick wanderte von dem Bau weiter hinab ins Tal, wo sie geschäftiges Treiben entdeckte. Sie folgte ihren Spuren, die sich durch den Schnee schlängelten. Hinter ihnen, durch die spärlichen Kiefern hindurch, sah sie einen Mann vor dem Schrein und ihr Atem stockte. Sein wildes, dunkles Haar wogte im Wind, während er mit dem Kopf auf der Brust dasaß. Entweder schlief er oder er meditierte. Sie atmete erleichtert aus. Kein ihr bekannter Noxianer würde so etwas tun. Sie erinnerte sich an die raue Oberfläche des Schreins, als sie ihre Hände zuvor über die gehauenen Kanten gleiten hatte lassen.

Ein scharfes Krachen riss Taliyah aus ihren Träumereien. Ein tiefes Grollen bahnte sich an. Sie machte sich auf ein herannahendes Erdbeben gefasst, doch es kam nicht. Aus dem Grollen wurde das schreckliche, stete Knirschen von zusammengepresstem Schnee und Stein. Taliyah wandte das Gesicht zum Berg und sah eine vollkommen weiße Wand auf sich zurasen.

Sie versuchte panisch auf die Beine zu kommen, doch sie konnte nirgendwo hin. Sie blickte hinab auf den Stein, der unter dem schmutzigen Eis hervorlugte, und dachte an das kleine Tier, das in seinem Bau in Sicherheit war. Verzweifelt konzentrierte sie sich und zog im Geiste an den rauen Kanten des Steins. Eine Reihe dicker Säulen sprang aus dem Boden. Die Steinbarriere türmte sich genau in dem Moment hoch über ihrem Kopf auf, als die erdrückende, weiße Lawine sie erreichte, und die Naturgewalt prallte mit einem dumpfen Wumpf dagegen.

Der Schnee schob sich die neugeformte Steigung hinauf und ergoss sich wie eine glitzernde Welle in das Tal weiter unten. Taliyah sah zu, wie sich die tödliche Decke über die kleine Lichtung legte und den Tempel bedeckte.

So schnell wie sie gekommen war, war die Lawine auch wieder vorübergezogen. Selbst der einsame Wind war still geworden. Diese neue, gedämpfte Stille lag schwer auf ihr. Der Mann mit dem wilden, dunklen Haar war verschwunden, vermutlich irgendwo unter dem Eis und Stein begraben. Sie hatte sich zwar vor dem Schneerutsch in Sicherheit bringen können, doch ihr drehte sich der Magen um, als ihr das volle Ausmaß ihrer Taten klar wurde: Sie hatte einem Unschuldigen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war, nicht nur Schaden zugefügt, sie hatte ihn lebendig begraben.

„Große Weberin“, rief Taliyah zu allen und niemandem aus, „was habe ich getan?!“

II

Taliyah suchte sich flink einen Weg den schneebedeckten Abhang hinunter, mal rutschend, mal bis zu den Knien im Tiefschnee versinkend. Sie war nicht der noxianischen Invasionsflotte entkommen, um den ersten Ionier, der ihr begegnete, aus Versehen das Zeitliche segnen zu lassen.

„Bei meinem Glück war er wahrscheinlich auch noch ein heiliger Mann“, flüsterte sie heiser vor sich hin.

Die Kiefern im Tal waren auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe reduziert worden und nicht viel mehr als dürre Büsche. Nur die Spitze des Schreins ragte aus dem Schnee hervor. Eine Schnur mit fransigen Gebetsfahnen hatte sich verknotet und kennzeichnete, was zuvor das andere Ende der Lichtung gewesen war. Taliyah überblickte das Gebiet auf der Suche nach dem Mann, den sie dem Eis übergeben hatte. Zuletzt hatte sie ihn unter dem Dach gesehen. Vielleicht war er dort vor den Schneemassen geschützt gewesen.

Auf ihrem Weg zum Tempel, in der Nähe der Bäume und weiter entfernt von der Schneise der Lawine, bemerkte sie zwei Finger, die aus dem Schnee herausschauten.

Sie versuchte halb stapfend, halb rennend zu den bleichen Fingerspitzen zu gelangen. „Bitte sei nicht tot. Bitte sei nicht tot. Bitte …“

Taliyah ließ sich vorsichtig auf die Knie fallen und begann, den eisigen Pulverschnee wegzuschaufeln. Sie legte Finger frei, die stark wie Stahl zu sein schienen. Sie packte den Mann am Handgelenk, obwohl ihre eigenen Hände kaum mitspielen wollten. Ihr Zähne klapperten unkontrolliert und sie zitterte am ganzen Körper, so dass sie keinen Puls fühlen konnte.

„Wenn du nicht schon tot bist“, meinte sie hilflos zu dem Mann unter dem Schnee, „dann musst du mir ein bisschen entgegenkommen.“

Sie blickte sich um. Niemand war zu sehen. Sie war auf sich allein gestellt.

Taliyah ließ seine Finger los und trat ein paar Schritte zurück. Ihre tauben Handflächen lagen auf dem Schnee auf, während sie versuchte, sich daran zu erinnern, wie der Boden des Tals vor den heranbrechenden Eismassen ausgesehen hatte. Lockere Steine, Kies. Die Erinnerung nahm zuerst verschwommen Gestalt an und wurde dann vor ihrem geistigen Auge immer klarer. Er war dunkel, von einem grobkörnigen und weißgesprenkelten Kohlegrau, fast wie der Bart von Onkel Adnan.

Taliyah konzentrierte sich mit aller Kraft auf die Vision und holte sie aus der Tiefe unter dem Schnee empor. Die Eiskruste vor ihr brach auf und hochragende Granitschichten, auf deren Oberfläche eine einsame Gestalt lag, schossen empor. Der plötzlich sehr flexible Stein schwankte kurz an seinem höchsten Punkt, als warte er auf ein Zeichen von ihr. Taliyah war sich nicht sicher, wo sie ihn sicher ablegen konnte, und schob den Granit auf die dürren Kiefern zu in der Hoffnung, dass ihre Äste einen Sturz bremsen konnten.

Die Granitschichten reichten nicht ganz bis zu den Bäumen und kollabierten mit einem gedämpften Rums im Schnee, doch die nadeligen Arme der Kiefern fingen den Mann auf, bevor er sanft zu Boden glitt.

„Wenn du vorher noch am Leben warst, dann sei es jetzt bitte auch noch“, betete Taliyah, als sie auf ihn zu lief. Das Sonnenlicht über ihr wurde schwächer. Dunkle Wolken zogen im Tal auf. Bald würde noch mehr Schnee fallen. Hinter den Bäumen konnte sie eine kleine Höhle ausmachen.

Taliyah blies ihren warmen Atem auf ihre Hände und zwang sich dazu, mit dem Zittern aufzuhören. Sie beugte sich über den Mann und berührte seine Schulter. Er stöhnte gequält. Noch bevor Taliyah zurückweichen konnte, blitze es metallisch vor ihren Augen und sie spürte eine rasche Brise. Der Mann presste seine kalte, scharfe Klinge an ihre Kehle.

„Jetzt wird nicht gestorben“, flüsterte er mit gebrochener Stimme. Er hustete und seine Augen drehten sich nach innen. Die Schwertspitze fiel auf den Schnee, doch der Mann ließ seine Waffe nicht fallen.

Die erste Schneeflocke wirbelte vor Taliyahs sprödem Gesicht. „So wie es aussieht, ist er ein ziemlich harter Brocken“, sagte sie zu sich. „Und wenn wir diesem Sturm nicht bald entkommen, dann werden wir herausfinden, ob dem wirklich so ist.“

Der Mann atmete flach, doch er war am Leben. Taliyah packte ihn unter den Armen und schleifte ihn auf die kleine Höhle zu.

Der einsame Wind war zurückgekehrt.

III

Taliyah bückte sich und hob einen Stein auf, der ungefähr so groß war wie eine kleine Strähne rauer Wolle und in etwa die gleiche Farbe hatte. Ein Schauer überkam sie und sie sah zurück in die Höhle; der zottige Mann war immer noch mit geschlossenen Augen gegen die Wand gelehnt. Sie kaute auf dem kleinen, getrockneten Stück Fleisch herum, das sie in der Tasche des Mannes gefunden hatte, und hoffte, er würde ihr das nicht übelnehmen, falls er am Leben bleiben sollte.

Sie kehrte in die Wärme der Höhle zurück. Die Felsplatten, die sie aufgestapelt hatte, strahlten immer noch eine glühende Hitze aus. Sie kniete sich hin. Taliyah war sich nicht sicher gewesen, ob sie, ähnlich wie die Steine in ihrer Tasche, auch größere Felsen aufwärmen konnte. Das junge Mädchen aus Shurima schloss ihre Augen und konzentrierte sich auf den Stapel aus Steinen. Sie erinnerte sich an die sengende Sonne auf dem Sand und wie die Hitze die Nacht über in der Tiefe der Erde versank. Sie entspannte sich, öffnete ihren Mantel, als sie trockene Wärme umgab, und begann dann mit dem Stein in ihrer Hand zu arbeiten. Sie drehte ihn und krümmte und höhlte ihn mit ihren Gedanken, bis er einer Schüssel ähnlich war. Zufrieden kehrte sie damit zum Eingang der Höhle zurück.

Hinter hier stöhnte eine männliche Stimme. „Wie ein Sperling, der Brotkrummen aufpickt.“

„Sperlinge haben auch Durst“, gab sie zurück und füllte die Schüssel mit sauberem Schnee. Der kalte Wind flüsterte um sie herum. Taliyah stellte den runden Stein auf dem heißen Felsenstapel vor ihr ab.

„Du sammelst Steine mit der Hand? Das scheint mir sehr anstrengend für jemanden, der Felsen webt.“

Taliyahs Wangen wurden plötzlich ganz warm und das hatte rein gar nichts mit dem kleinen steinernen Herd zu tun.

„Du bist nicht böse auf mich, oder? Wegen dem Schnee und der …“

Der Mann lachte und hielt sich dann stöhnend die Seite. „Dein Handeln sagt mir alles, was ich wissen muss.“ Trotz zusammengebissener Zähne zeichnete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ab. „Du hättest mich auch einfach sterben lassen können.“

„Ich hatte dich in Gefahr gebracht. Ich konnte dich nicht einfach unter dem Schnee begraben lassen.“

„Ich danke dir. Obwohl ich auf den Sturz durch die Bäumchen hätte verzichten können.“

Taliyah schnitt eine Grimasse und wollte etwas erwidern, doch der Mann hob eine Hand, um ihr Einhalt zu gebieten. „Du musst dich nicht entschuldigen.“

Er setzte sich unter Anstrengungen auf und musterte Taliyah und das Ornament in ihren Haaren gründlich.

„Ein shurimanischer Sperling.“ Er schloss die Augen und entspannte sich in der Wärme des Steinherdes. „Du bist sehr weit weg von Zuhause, kleiner Vogel. Was bringt dich in diese abgelegene Höhle in Ionia?“

„Noxus.”

Der Mann zog eine dunkle Augenbraue nach oben, doch hielt die Augen geschlossen.

„Sie behaupteten, ich könnte in Noxus Menschen zusammenbringen. Dass meine Kräfte ihre Mauern stärken würden. Doch letzten Endes sollte ich nur Zerstörung bringen.“ In ihrer Stimme schwang Abscheu mit. „Sie sagten, sie würden mich unterrichten …“

„Das haben sie, aber nur zur Hälfte“, sagte er emotionslos.

„Ich sollte für sie ein Dorf begraben. Die Leute in ihren Häusern ermorden.“ Taliyah schnaubte ungeduldig. „Und ich bin geflohen, nur um dann dich unter einem Berg zu begraben.“

Der Mann hob sein Schwert und betrachtete die Klinge. Eine sanfte Brise blies den Staub auf ihr davon. „Zerstörung. Schöpfung. Weder das eine noch das andere ist rein gut oder böse. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Es kommt nur auf deine Absichten an, auf das ‚Warum‘, den Grund für deinen Weg. Das ist die einzig wahre Entscheidung, die wir treffen müssen.“

Taliyah stand auf. Ihr gefiel seine belehrende Art nicht. „Mein Weg führt mich fort von diesem Ort. Außer Reichweite von allen, bis ich lerne, wie ich das, was in mir schlummert, kontrollieren kann. Ich habe zu große Angst, meinem Volk zu schaden.“

„Der Vogel vertraut nicht auf den Ast unter ihm.“

Taliyah hörte schon nicht mehr zu. Sie war bereits am Höhleneingang und schlang ihren Mantel eng um sich. Der Wind pfiff ihr um die Ohren.

„Ich werde versuchen, uns etwas zu essen zu finden. Hoffentlich fällt dabei nicht der Rest des Berges auch noch auf dich.“

Der Mann lehnte sich mit dem Rücken gegen den warmen Stein und sprach leise vor sich hin. „Bist du sicher, dass es der Berg ist, den du zu erobern suchst, kleiner Sperling?“

IV

Ein Vogel hackte mit dem Schnabel auf einer nahestehenden, dürren Kiefer herum. Taliyah trat mit dem Fuß nach dem Schnee, wobei ihr ein Eisklumpen oben in den Stiefel rutschte. Sie zog unwirsch an der Stiefellasche. Die Worte des Mannes ärgerten sie immer noch und jetzt kam auch noch das schmelzende Eis hinzu, das ihr den Knöchel hinablief.

„Das Warum? Ich habe mein Volk, meine Familie hinter mir gelassen, um sie vor mir selbst zu schützen.“

Sie hielt inne. Eine unnatürliche Stille hatte das Tal befallen. Die kleinen Wildtiere, die sich in der Nähe aufgehalten hatten, hatten beim Geräusch ihrer stampfenden Schritte schon längst das Weite gesucht. Der kleine Vogel hatte sich von dem Mädchen nicht bedroht gefühlt und gegen ihre Schimpftirade angezwitschert. Doch jetzt war nicht einmal das Trillern des Vogels zu hören.

Taliyah stand angespannt dar. Während sie sich in Rage geredet hatte, hatte sie sich weiter als geplant von der Höhle entfernt. Der Fels zog sie mehr an als der Wald und so war sie in Gedanken versunken einem freiliegenden Bergkamm gefolgt, bis sie sich am Ende einer felsigen Klippe wiederfand. Sie hatte nicht erwartet, dass der Mann ihr folgen würde, und doch fühlte sie sich beobachtet.

„Noch mehr neunmalkluge Worte?“, fragte sie unwirsch.

Ein Atemstoß, der ihre Knochen vibrieren ließ, war die Antwort.

Ihre Hand fuhr instinktiv in die Tasche ihres Mantels, während die andere nach ihrer Schleuder griff. Drei Steine kullerten in ihrer Tasche. Sie umklammerte einen davon in just dem Augenblick, als loser Kies die Bewegungen ihres Verfolgers hinter ihr verriet.

Taliyah drehte sich um und erblickte einen großen ionischen Schneelöwen, der seine Pfoten behutsam zwischen den scharfen Felsspalten aufsetzte.

Sogar auf allen Vieren überragte das Tier sie. Es war bestimmt zweimal so lang wie Taliyah groß war und sein dicker Hals war von einer kurzen, gelbbraunen Mähne umgeben. Der Löwe beobachtete das Mädchen. Er ließ zwei eben gejagte Hasen aus seinem Maul fallen und leckte sich das blutrote Rinnsal von einem Eckzahn, der den Durchmesser einer ihrer Unterarme hatte.

Noch vor wenigen Augenblicken war die Aussicht von der Klippe, auf der sie stand, atemberaubend gewesen. Doch jetzt war sie gefangen. Davonlaufen war keine Option, der Löwe würde sie sofort zur Strecke bringen. Taliyah schluckte und versucht die Panik zu unterdrücken, die in ihr aufstieg. Sie legte einen Stein in die Schleuder und begann sie zu kreisen.

„Verschwinde!“, zischte sie. Ihre Worte ließen sich die Angst, die ihr in den Gliedern steckte, nicht anmerken.

Der Löwe kam einen Schritt näher. Das Mädchen ließ den Stein aus ihrer Schleuder fliegen. Er traf das Tier an der Mähne, die die Wucht des Aufpralls abfing. Die Kreatur knurrte unzufrieden und das tiefe Brummen war im Einklang mit dem Pochen von Taliyahs Herz, das ihr aus der Brust zu springen schien.

Sie legte einen weiteren Stein in die Schleuder.

„Na los!“, schrie sie und gab sich tapferer, als sie sich fühlte. „Ich hab gesagt, du sollst verschwinden!“

Taliyah sandte den nächsten Stein auf seinen Weg.

Das Knurren des hungrigen Jägers wurde lauter. Der Vogel in der dünnen Kiefer spürte, dass dieses Aufeinandertreffen nicht gut ausgehen würde, hüpfte von seinem Ast und schwang sich in die Luft.

Einsam und verlassen griff Taliyah in ihrer Tasche nach dem letzten Stein. Ihre Hände zitterten vor Kälte und Angst. Der Stein entglitt ihren Fingern, fiel auf den Boden und rollte davon. Sie sah auf. Der mächtige Kopf des Löwen wiegte sich zwischen den muskulösen Schultern, als er einen weiteren Schritt auf sie zu tat. Der Stein war außer Reichweite.

Du sammelst Steine mit der Hand? Taliyah griff mit ihrem Geist nach dem Stein. Der kleine Stein regte sich, doch gleichzeitig begann auch der Boden unter ihr zu erzittern.

Der Ast neben ihr schwankte immer noch auf und ab vom Gewicht des Vogels, als dieser sich in die Lüfte geschwungen hatte. Der Vogel vertraut nicht auf den Ast. Sie hatte die Wahl: Entweder wie erstarrt und von Zweifeln zerfressen stehen bleiben und dem Löwen zum Opfer fallen, oder aus ihren Kräften schöpfen und den Sprung wagen.

Taliyah, ein Mädchen aus einem Wüstenland, das sich weit hinter den Küsten von Ionia und seinen schneebedeckten Gipfeln erstreckte, konzentrierte sich auf das Bild des Vogels und des schwankenden, leeren Astes. Sie vergaß die drohende Todesgefahr. Die eisige Einsamkeit fiel von ihr ab und ihr letzter Tanz im Sand fand seinen Weg in ihre Gedanken. Sie spürte wie sie von ihrer Mutter, ihrem Vater, Babajan, ja dem ganzen Stamm umgeben war. Sie lauschte ihrem geflüsterten Versprechen, zu ihnen zurückzukehren, wenn sie ihre Kräfte endlich beherrschen würde.

Sie kreuzte Blicke mit dem Tier. „Ich habe zu viel aufgegeben, als dass du mich jetzt aufhalten könntest.“

Der Fels unter ihr begann, einen anmutigen Halbmond zu formen. Sie dachte an die Wärme dieser letzten Umarmung und sprang.

Unter ihr fing es an zu grollen, viel lauter als das Knurren des Löwen. Er versuchte zu fliehen, doch es war zu spät. Der Boden unter seinen dicken Pfoten tat sich auf und wurde zu einer wogenden Masse aus Geröll. Das Gewicht des Tieres zog es weiter die bröckelnde Klippe hinunter.

Für einen kurzen Augenblick schwebte Taliyah über dem tanzenden Gestein. Der Fels unter ihr zerbrach in Tausende kleine Stückchen, die nicht länger fest genug waren, um sie zu kontrollieren. Sie wusste, dass sie bald ihren Halt verlieren würde. Taliyah begann zu fallen. Doch bevor sie sich von der rauen Welt, die um sie herum zerbarst, verabschieden konnte, hob sie ein starker Wind nach oben. Stählerne Finger packten sie am Mantelkragen.

„Mir war nicht klar, dass du es wirklich mit dem Berg aufnehmen wolltest, kleiner Sperling.“ Mit einem Ächzen zog der Mann Taliyah auf den neugeformten Vorsprung. „Jetzt verstehe ich auch, warum deine Wüste hauptsächlich eben ist.“

Taliyah musste glucksen. Sie war richtig erleichtert, seine lehrerhafte Stimme zu hören. Taliyah blickte über den Hang der Klippe und erhob sich. Sie klopfte sich den Staub ab, nahm die Hasen auf, die der Löwe fallengelassen hatte, und ging beschwingt zu der kleinen Höhle zurück.

V

Taliyah biss sich auf die Unterlippe. Sie sah sich im Gasthof um und wippte aufgeregt auf ihrem Stuhl auf und ab. Es war spät abends und die Holztische nur spärlich besetzt. Es war schon sehr lange her, dass sie unter Leuten gewesen war. Ihr Blick wanderte zu ihrem grimmigen Begleiter, der auf den dunklen Ecktisch bestanden hatte. Diesen Mann, der jetzt ihr Lehrmeister war, konnte man kaum als gute Gesellschaft bezeichnen. Seit er sich zu einer Mahlzeit in dem abgelegenen Gasthof hatte breitschlagen lassen, blickte er nur finster drein und war alles andere als unterhaltsam.

Als er sich versichert hatte, dass er an diesem Ort genau so fremd war wie die restlichen Gäste auch, entspannte er sich ein bisschen und zog sich in den Schatten zurück. Sein Rücken lehnte fest gegen die Wand, in der Hand hielt er seinen Becher. Er war nun nicht länger abgelenkt und richtete seine Konzentration und seine wachsamen Augen wieder auf sie.

„Du musst dich konzentrieren“, sagte er. „Du darfst nicht zögern.“

Taliyah besah sich die Teeblätter, die am Boden ihres Bechers wirbelten. Die heutige Lektion war knifflig gewesen. Und nicht so gut gelaufen. Zum Schluss waren sie beide voller Staub und gesplittertem Stein gewesen.

„Gefahr kommt, wenn du deine Aufmerksamkeit aufteilen musst“, mahnte er.

„Ich könnte jemanden verletzten“, gab sie zu bedenken und ihr Blick war dabei auf den neuen Riss im Überwurf gerichtet, der um den Hals des Mannes geschlungen war. Ihrer eigenen Kleidung war es nicht besser ergangen. Sie sah an ihrem neuen Übermantel und Reiserock hinunter. Die Frau des Gastwirtes hatte Mitleid mit ihr gehabt und ihr angeboten, was sie gerade zur Hand hatte. Hauptsächlich Stücke, für die frühere Gäste keine Verwendung mehr gehabt hatten. An die langen Ärmel nach ionischem Stil würde sie sich erst noch gewöhnen müssen, doch der schwere Stoff war robuste und hochwertige Webarbeit. Ihre einfache Tunika hatte sie behalten. Auch wenn sie schon ganz verblichen war, wollte sie sich nicht von dem letzten Bisschen Heimat trennen, das ihr noch geblieben war.

„Was zerbrechen kann, kann auch wieder zusammengefügt werden. Kontrolle erlangst du nur durch Übung. Du bist zu so viel mehr fähig. Denk daran, wie sehr du dich bereits verbessert hast.“

„Aber … was, wenn ich versage?“, fragte sie.

Der Blick des Mannes wanderte zur Tür des Gasthofes, die gerade jemand aufdrückte. Zwei Kaufleute traten herein und klopften sich den Staub der Straße aus den Kleidern. Der Gastwirt deutete auf die freien Tische in der Nähe von Taliyah und ihrem Begleiter. Der erste kam auf sie zu, während der zweite auf seinen Becher wartete.

„Jeder versagt“, stellte der Mann neben Taliyah fest. Ein kurzer Anflug von Frustration huschte über sein Gesicht und strafte seine Selbstbeherrschung Lügen. „Versagen dauert nur einen kurzen Augenblick lang an. Setze deinen Weg fort und du lässt es hinter dir.“

Einer der Kaufleute setzte sich an den Tisch nebenan und musterte Taliyah. Seine Augen glitten über die verblichenen Lavendelfarben ihrer Tunika zu dem glitzernden Gold und dem Stein in ihren Haaren.

„Ist das aus Shurima, Mädchen?“

Taliyah versuchte ihr Bestes, den Kaufmann zu ignorieren. Er fing den stechenden Blick ihres Begleiters auf und lachte nervös.

„Früher war das ein seltener Anblick“, meinte er dann.

Das Mädchen starrte auf ihre Hände.

„Heutzutage bekommt man es öfter zu Gesicht. Jetzt, wo die verlorene Stadt eures Volkes sich wieder aus dem Sand erhoben hat.“

Taliyah sah auf.
„Was?“

„Man munkelt auch, dass die Flüsse rückwärts fließen.“ Der Kaufmann wedelte mit der Hand in der Luft herum und machte sich über die Mysterien eines weitentfernten Volkes lustig, das er offensichtlich für primitiv hielt. „Und das alles nur, weil euer Vogelgott von den Toten auferstanden ist.“

„Es macht keinen großen Unterschied, was er ist. Es ist nicht gut für den Handel.“ Der zweite Kaufmann gesellte sich zu dem ersten. „Sie sagen, dass er sein Volk sammeln möchte. Er vermisst wohl seine Sklaven und all das.“

„Hier bist du besser aufgehoben als dort, Mädchen“, fügte der erste Kaufmann hinzu.

Der zweite Kaufmann blickte von seinem Bier auf und bemerkte Taliyahs Begleiter. „Du kommst mir bekannt vor“, sagte er. „Dein Gesicht kenne ich doch.“

Die Tür des Gasthofes öffnete sich ein weiteres Mal. Eine Gruppe Wachen kam herein, die ihre Blicke durch den Raum schweifen ließen. Die Wache, die in der Mitte stand, war eindeutig der Anführer der Truppe und schien sehr an dem Mädchen und ihrem Begleiter interessiert. Taliyah spürte, wie sich die spärlichen Gäste des Schankraums leicht panisch anschickten, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Sogar die Kaufleute standen auf und gingen.

Der Hauptmann kam an den leeren Barhockern vorbei auf sie zu. Er hielt eine Klingenlänge vor dem Tisch an, an dem sie saßen.

„Mörder“, zischte er.

VI

„Hier hast du dich also versteckt“, sagte der Hauptmann verächtlich. „Genieße dein Bier. Es wird dein letztes sein.“

Taliyah sprang auf und hörte das Sirren einer gezogenen Klinge neben sich. Sie blickte zu ihrem Lehrer, der den Raum voller Wachen grimmig musterte.

„Dieser Mann, Yasuo“, der Hauptmann spuckte seinen Namen förmlich aus, „hat sich des Mordes an einem Dorfältesten schuldig gemacht. Sein Verbrechen erfordert die Todesstrafe, die bei Kontakt sofort durchzuführen ist.“

Eine der Wachen hob eine geladene Armbrust an. Eine weitere legte einen Pfeil auf die Sehne eines Langbogens, der fast so groß war wie das Mädchen.

„Mich töten?“, fragte Yasuo. „Versucht’s.“

„Wartet“, rief Taliyah. Doch bevor ihr das Wort über die Lippen gekommen war, hörte sie auch schon den Auslöser schnappen und das tiefe Summen der Sehne des Langbogens. In den nachfolgenden Sekunden füllte ein wirbelnder Windstoß den Schankraum. Er rotierte um den Mann neben ihr und blies stehengelassene Becher und Holzbrettchen von den Tischen. Der Wind erreichte die Pfeile und zerbrach sie mitten im Flug, so dass sie mit einem hohlen Klappern zu Boden fielen.

Noch mehr Wachen kamen mit gezogenen Schwertern hereingestürmt. Taliyah ließ ein Feld aus scharfen Steinen aus dem Boden schießen, um die Männer in Schach zu halten.

Yasuo glitt durch die Menge der Soldaten, die im Raum festsaßen. Sie hielten ihre Waffen hoch und versuchten vergebens das Schwert zu parieren, das mit gebogener Klinge, die wie Blitze zuckte, um sie herumtoste. Es war zu spät. Yasuos Klinge sauste durch die Männer hindurch und hinterließ eine feine, tödliche Spur in Form eines blutroten Wirbels hinter ihr. Als schließlich alle, die es auf den Mann abgesehen hatten, gefallen waren, hielt Yasuo inne. Er atmete schwer und blickte finster drein. Sein Blick traf den des Mädchens und er setzte zu einer Erklärung an.

Taliyah hob warnend die Hand. Hinter seinem Rücken erhob sich der Hauptmann mit gebrochenem Lächeln und Wahnsinn in den Augen. Er führte sein Schwert mit beiden Händen, damit ihm der blutverschmierte Griff nicht entglitt.

„Weg von ihm!“ Taliyah zog den gepflasterten Boden des Gasthofes nach oben, die flachen Steine wurden hochgeschleudert und der Hauptmann gleich mit ihnen.

Als der Körper des Hauptmanns in der Luft hing, war Yasuo bereit und seine kalte Klinge traf mit drei flinken Hieben auf die Brust des Mannes. Der Körper fiel reglos zu Boden.

Draußen wurden mehr Stimmen laut. „Wir müssen hier weg. Jetzt!“, drängte Yasuo. Er sah das Mädchen an. „Du schaffst das. Zögere nicht.“

Taliyah nickte. Der Boden erbebte und ließ die Wände erzittern, bis das gedeckte Dach zu vibrieren begann. Das Mädchen versuchte, die Kraft zu beherrschen, die sie unter dem Boden des Gasthofes wachsen fühlte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie eine Vision. Sie erkannte ihre Mutter, die mit gleichmäßigen Stichen die raue Kante eines Stoffes säumte. Ihre Finger verschwammen zu flinken Bewegungen.

Der Fels unter dem Gasthof brach in Form von großen, runden Bögen hervor. Steinsäulen fädelten sich in den Boden hinein und wieder heraus, einer Welle gleich. Taliyah spürte, wie sich die Erde erhob und sie hinaus in die dunkle Nacht trug, dicht gefolgt von dem Wirbelsturm, der Yasuo war.

VII

Yasuo blickte zurück auf den entfernten Gasthof. Der runde Steinstrang hatte den Weg blockiert und würde jegliche Verfolger abhalten. Sie hatten zwar Zeit gewonnen, aber die Dämmerung würde nicht lange auf sich warten lassen. Und sie würde ihnen noch mehr Männer bescheren. Oder besser gesagt ihm.

„Sie wussten, wer Ihr seid.“ Taliyah sprach mit ruhiger Stimme. „Yasuo.“ Sie sagte seinen Namen mit Nachdruck.

„Wir müssen weiter.“

„Sie wollten Euch tot sehen.“

Yasuo atmete hörbar aus. „Es gibt viele Leute, die mich tot sehen wollen“, erwiderte er. „Und jetzt wollen dich auch ein paar davon tot sehen. Ihre Anschuldigungen sind haltlos, falls es dich beruhigt.“

„Ich weiß.“

Yasuo war nicht der Name, den er während ihrer Reise benutzt hatte, doch es spielte keine Rolle. Sie hatte die ganze Zeit keine Fragen zu seiner Vergangenheit gestellt. Tatsächlich hatte sie überhaupt keine Fragen gestellt, sondern ihn nur darum gebeten, unterrichtet zu werden. Jetzt beobachtete sie ihren Mentor. Ihr blindes Vertrauen in ihn schien ihn noch mehr zu quälen, als wenn sie ihn für schuldig gehalten hätte. Er drehte sich um und entfernte sich von ihr.

„Wohin geht Ihr? Shurima liegt im Westen.“ In ihrer Stimme lag Verwirrung.

Yasuo drehte sich nicht zu ihr um. „Mein Platz ist nicht in Shurima. Und deiner auch nicht. Noch nicht.“ Seine Worte waren ruhig und maßvoll, als würde er sich auf einen kommenden Sturm vorbereiten.

„Ihr habt die Kaufleute gehört. Die verlorene Stadt hat sich erhoben.“

„Ammenmärchen, um den Händlern Angst einzujagen und den Preis von shurimanischem Leinen in die Höhe zu treiben“, entgegnete er.

„Und wenn tatsächlich ein lebendiger Gott durch das Sandmeer zieht? Ihr habt keine Ahnung, was das bedeutet. Er wird sich zurückholen, was ihm einst gehörte. Die Leute, die ihm gedient haben, die Stämme …“ Taliyahs Stimme überschlug sich vor Gefühlen, die der Abend hervorgebracht hatte, und ihre Worte sprudelten aus ihr heraus. Sie war so weit gereist, um sie zu beschützen, und jetzt, wo sie ihre Hilfe so dringend brauchten, war sie ganze Welten weit entfernt. Sie streckte den Arm nach ihm aus und hielt eine Handbreit vor seinem Arm inne. Wenn er doch nur verstehen könnte.

„Er wird meine Familie versklaven.“ Ihre Worte hallten in den Felsen um sie herum nach. „Ich muss sie beschützen. Versteht Ihr das nicht?“

Eine Windböe kam auf, fegte über die Kieselsteine am Boden und blies Yasuos schwarzes Haar aus seinem Gesicht.

„Beschützen“, flüsterte er kaum hörbar. „Wacht eure Große Weberin denn nicht über sie?“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Der Mann, ihr Lehrmeister, drehte sich zu seiner einzigen Schülerin um. Seine dunklen, gejagten Augen blitzten vor Zorn und die ungezügelten Gefühle überraschten sie. „Deine Ausbildung ist noch nicht beendet. Du setzt dein Leben aufs Spiel, wenn du jetzt zu ihnen zurückkehrst.“

Sie wich nicht zurück und erwiderte seinen Blick.

„Sie sind es wert, mein Leben für sie aufs Spiel zu setzen.“

Der Wind brauste um die beiden herum, doch das Mädchen gab nicht nach. Yasuo seufzte tief und sah wieder nach Osten. Ein sanfter Lichtschimmer zeichnete sich gegen die schwarzblaue Nacht ab. Die turbulenten Böen kamen langsam zum erliegen.

„Ihr könntet mit mir kommen“, bot sie ihm an.

Die harten Züge des Kiefers des Mannes entspannten sich. „Der Wüstenmet soll ja sehr gut sein“, brummte er. Eine sanfte Brise fuhr dem Mädchen durch das Haar. Doch dann war der Augenblick vorüber und schmerzhafte Erinnerungen traten in den Vordergrund. „Aber meine Arbeit hier in Ionia ist noch nicht getan.“

Taliyah musterte ihn gründlich und griff in ihre Tunika, wo sie einen Faden abriss, der schon eine ganze Weile lang lose gewesen war. Sie reichte ihm die handgesponnene Wolle. Er beäugte sie misstrauisch.

„Bei meinem Volk gilt dies traditionell als Zeichen des Dankes“, erklärte Taliyah. „Wer ein Stück von sich selbst gibt, der wird nicht vergessen.“

Behutsam nahm der Mann den Faden und band sich damit sein wildes Haar zurück. Er wog seine nächsten Worte vorsichtig ab.

„Folge diesem Weg zum nächsten Flusstal und dann dem Fluss zum Meer“, sagte er und deutete auf einen ausgetretenen Rehpfad. „Dort lebt eine einsame Fischersfrau. Sag ihr, dass du Freljord sehen möchtest. Gib ihr dies hier.“

Der Mann zog einen getrockneten Ahornsamen aus einem Lederbeutel an seinem Gürtel und drückte ihn ihr in die Hand.

„Im eisigen Norden gibt es noch Völker, die sich der noxianischen Herrschaft erwehren. Sie können dich vielleicht zurück zu deinen Sanden geleiten.“

„Was gibt es in  … Freljord?“, fragte sie und erforschte den Laut auf ihren Lippen.

„Eis“, sagte er knapp. „Und Stein“, fügte er zwinkernd hinzu.

Jetzt lächelte sie.

„Mit den Bergen unter dir wirst du schnell vorwärts kommen. Nutze deine Kraft. Schöpfung. Zerstörung. Nimm sie an. Voll und ganz. Deine Flügel haben dich weit getragen“, sinnierte er. „Vielleicht tragen sie dich auch wieder nach Hause zurück.“

Taliyah starrte auf den Pfad, der in das Flusstal hinabführte. Sie hoffte inständig, dass ihr Stamm in Sicherheit war. Vielleicht bildete sie sich die Gefahr auch nur ein. Wenn sie sie jetzt sehen könnten, was würden sie denken? Würden sie sie überhaupt erkennen? Babajan pflegte zu sagen, dass ein Teil der Wolle, ungeachtet der Farbe des Fadens oder wie dick oder dünn die Fasern waren, wenn sie auf die Spindel kamen, immer das blieb, was sie ursprünglich gewesen war. Taliyah fand Trost in dieser Erinnerung.

„Ich vertraue darauf, dass du das richtige Gleichgewicht webst. Gute Reise, kleiner Sperling.“

Taliyah drehte sich zu ihrem Begleiter um, doch er war bereits verschwunden. Nur ein paar Grashalme, die sich in der Morgenluft wiegten, zeugten noch von seiner Anwesenheit.

„Ich bin sicher, dass die Große Weberin auch für Euch einen Plan hat“, sagte sie.

Taliyah verstaute den Ahornsamen vorsichtig in ihrem Mantel und ging den Pfad ins Tal hinab. Die Steine unter ihren Füßen kamen ihr freudig entgegen und begrüßten sie.